Tony Cliff

 

Lenin 1

 

19. Prawda

 

Die legale Zeitung

Die Bolschewiki verwendeten jede legale Gelegenheit, um ihre Literatur zu veröffentlichen. Die Konferenz der Partei im Januar 1912, beschloß, wie wir schon erwähnt haben, eine legale Tageszeitung, Prawda, zu veröffentlichen. Sie sollte die frühere Swesda, eine Wochenzeitung, ersetzen, die seit dem 16. Dezember 1910 legal in St. Petersburg veröffentlicht worden war. In Januar 1911 begann sie zweimal wöchentlich zu erscheinen, und ab März dreimal wöchentlich. Die Behörden verboten sie wiederholt. Sie beschlagnahmten 30 und belegten 8 mit Bußgelder aus insgesamt 63 Ausgaben. Indem sie Massensammlungen von Spenden von Arbeitergruppen organisierte, bereitete Swesda den Boden für Prawda, deren erste Ausgabe am 22. April 1912 erschien.

Prawda litt auch unter regelmäßiger Verfolgung und mußte ihren Namen achtmal ändern; sie wurde der Reihe nach Rabochaja Prawda (Arbeiterwahrheit), Sewernaja Prawda (Wahrheit des Nordens), Prawda Truda (Wahrheit der Arbeit), Sa Prawda (Für Wahrheit), Proletarskaja Prawda (Proletarische Wahrheit), Put Prawdi (Weg der Wahrheit), Rabochi (Arbeiter), Trudowaja Prawda (Wahrheit der Arbeit).

Immer und immer wieder wurden Razzien bei den Räumlichkeiten der Prawda, Ausgaben wurden beschlagnahmt, Redakteure verhaftet und die Zeitungsjungen, die die Zeitung verkauften)schikaniert. Aber die Zeitung erschien immer weiter. Das wurde möglich durch den Einfallsreichtum der Belegschaft der Zeitung bei der Umgehung Anklagen, die finanzielle Unterstützung der Leser, Lücken im Pressegesetz und die Unfähigkeit der Polizei. [1]

Die Verwendung von äsopischer Sprache ermöglichte der Prawda die Themen des Tages zu diskutieren, ohne das Risiko der automatischen Beschlagnahmung. Da es verboten wurde, von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands zu sprechen, sprach sie vom „Untergrund“, dem „Ganzen“ und dem „Alten“. Das dreiteilige bolschewistische Programm einer demokratischen Republik, der Beschlagnahmung der Landgüter und des Achtstundentags wurde „die unbeschnittenen Forderungen von 1905“ oder die „drei Pfeiler“ genannt. ein Bolschewik war ein „konsequenter Demokrat“ oder ein „konsequenter Marxist“. Die fortgeschrittenen Arbeiter wußten wie sie die Zeitung lesen und verstehen sollten.

Das Pressegesetz verlangte, daß die ersten drei Exemplare jeder Ausgabe zum Zensor geschickt werden sollte. Die Redakteure der Prawda waren entschlossen, die Zeitung zu verteilen, ob es dem Zensor gefiel oder nicht. Daher versuchten sie so viel Zeit wie möglich zwischen dem absenden der drei Exemplare und der allzu häufigen Ankunft der Polizei bei der Druckerei zu gewinnen und sie lösten das Problem in einer einfallsreichen Weise. Das Gesetz, das das absenden der Exemplare an den Zensor verlangte, legte nicht fest, wie lange die Fahrt dauern sollte. Die tägliche Aufgabe, sie zu liefern, wurde einem 70-jährigen Arbeiter der Druckerei anvertraut, dessen hoher Alter und langsamer Gang versicherten, daß er etwa zwei Stunden brauchte, um das Büro des Zensors zu erreichen. Nachdem er die Zeitungen geliefert hatte, blieb der Alte im Büro, angeblich um sich zu erholen, aber in Wirklichkeit um den Zensor genau zu beobachten, der andere Zeitungen außer der Prawda überprüfte. Falls nach seiner Lektüre der Prawda der Zensor sich zu einer anderen Zeitung wandte, kehrte der Alte mit gemächlichem Tempo zur Druckerei. aber falls der Zensor den Dritten Polizeibezirk anrief, dessen Revier die Druckerei der Prawda einschloß, floh er aus dem Zimmer, holte einen Taxi [eine Droschke] und eilte sich zurück. Wachposten wurden um die Druckerei stationiert und hielten für seine Rückkehr Ausschau und als sie ihn mit Höchstgeschwindigkeit um die Ecke kommen sahen, wußten sie, was passiert war. Alarm wurde geschlagen und jeder fing an, fieberhaft zu arbeiten. Die Zeitungen wurden entfernt und versteckt, die Verteilungsabteilung wurde geschlossen und die Presse zum Stillstand gebracht. Bis zur Zeit, wo die Polizei ankam, waren die meisten Zeitungen weg, nur einige wenige wurden um des „Protokolls“ willen hinterlassen. [2]

Nominelle Redakteure wurden ernannt, die ins Gefängnis wandern wurden, während die wirklichen Redakteure frei blieben. Es gab etwa 40 von diesen „Redakteuren“, die ziemlich oft Analphabeten waren. Während des ersten Jahres des Bestehens der Prawda verbrachten sie 47 Monate im Gefängnis. Von den 645 veröffentlichten ausgaben versuchte die Polizei ohne Erfolg 155 zu beschlagnahmen und 36 Ausgaben wurden mit Geldstrafen belegt.

Von jeder Ausgabe wurde die Hälfte auf den Straßen von Zeitungsjungen verkauft und die Hälfte in den Betrieben. In den großen Fabriken in St. Petersburg hatte jede Abteilung einen Verantwortlichen. Er verteilte die Zeitung, sammelt Gelder ein und hielt die Verbindung mit den Redakteuren aufrecht. Die Verteilung außerhalb St. Petersburg war sehr schwierig. Es stimmt, daß Prawda 6.000 Postabonnements hatte, aber diese zu verteilen, war nicht so leicht, wie es vielleicht scheint. Exemplare mußte man zum Schutz in Kattun verpacken und bei etwa sechs verschiedene Postämter abschicken, die man täglich wechseln mußte, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu bringen. Zusätzlich wurden Bündel der Prawda, in die Provinzen über mehrere komplizierten Routen verteilt. So warfen Parteimitglieder bzw. -sympathisanten, die bei der Bahn arbeiteten, Bündel aus dem Zug bei besonders organisierten Orten entlang der Route, wo andere Genossen auf sie warteten. In einer Stadt wurden Exemplare direkt an die Post geschickt, wo ein Genosse unter den Postboten sie in Verwahrung nahm, als sie ankamen.

Die Auflage der Prawda war beeindruckend, besonders wenn man den illegalen Status der Partei berücksichtigt, die sie herausgab. Sie bewegte sich zwischen 40.000 und 60.000 pro Tag, wobei die höhere Zahl samstags erreicht wurde. Dieser war ein Riesenschritt von den ursprünglichen Flugblättern, die Lenin per Handschrift schrieb und dann sorgfältig in Druckbuchstaben kopierte. Sie war auch ein großer Kontrast zur ersten Zeitung, bei der Lenin 1897 ein Mitarbeiter war, das St. Petersburger Rabotschi Listok (Arbeiterbulletin), Organ des St. Petersburger Kampfbundes für die Befreiung der Arbeiterklasse. Diese frühe Zeitschrift hatte zwei Ausgaben – eine mit 300–400 Exemplaren (Januar 1897), die in Rußland auf einem Mimeograph kopiert wurde, und die zweite, die in Genf gedruckt wurde (September 1897). Eine Auflage von 40.000–60.000 mag nach heutigen westlichen Maßstäben bescheiden scheinen, aber unter den unterdrückerischen Bedingungen des Zarismus war sie eine große Errungenschaft, und die Ideen der Zeitung fanden einen Widerhall unter Hunderttausenden von Arbeitern. [1*]

Aber Lenin war mit der Auflage nicht besonders zufrieden. April 1914 schrieb er in einem Artikel mit dem Titel „Unsere Aufgaben“:

Der Put Prawdy muß drei-, vier- und fünfmal mehr verbreitet werden als jetzt. Man muß eine allgemeine Gewerkschaftsbeilage schaffen, wobei Vertreter aller Gewerkschaftsverbände und -gruppen an der Redaktion teilnehmen sollen. Man muß zu unserer Zeitung Gebietsbeilagen (für Moskau, den Ural, den Kaukasus, das Baltikum, die Ukraine) schaffen ... die Chronik des organisatorischen, ideologischen und politischen Lebens der klassenbewußten Arbeiter müssen um ein vielfaches erweitert werden.

... der Put Prawdy ist in seiner heutigen Gestalt für den klassenbewußten Arbeiter unentbehrlich und muß noch erweitert werden; er ist aber zu teuer, zu schwierig und zu umfangreich für den Arbeiter von der Straße, für den hineinwachsen Menschen, für die Millionen, die noch nicht in die Bewegung einbezogen sind ...

Man muß eine Wetschernaja Prawda zum Preise von einer Kopeke schaffen [2*] ... mit 200.000, 300.000 Exemplaren ...

Man muß erreichen, daß sich die Leser des Put Prawdi bedeutend mehr als heute nach einzelnen Fabriken, Werken, Bezirken usw. organisieren, daß sie aktiver an der Korrespondententätigkeit, an der Gestaltung der Zeitung, an ihrer Verbreitung teilnehmen. Man muß erreichen, daß die Arbeiter systematisch an der redaktionellen Tätigkeit teilnehmen. [4]

Lenins Hoffnungen für eine Zeitung mit Massenauflage sollten erst nach der Revolution erreicht werden.

 

 

Eine wirkliche Arbeiterzeitung

Die Prawda war nicht eine Zeitung für Arbeiter: sie war eine Arbeiterzeitung. Sie unterschied sich sehr von ihrem Namensvetter, einer zweimonatlichen Zeitung, die Trotzki in Wien (1908-12) veröffentlichte, die praktisch völlig von einer winzigen Gruppe von brillanten Journalisten (Leo Trotzki, Adolphe Joffe, David Rjasanow und anderen) geschrieben wurde. Wie Lenin schrieb: „Trotzkis ‚Arbeiterzeitschrift‘ ist eine Zeitschrift Trotzkis für Arbeiter, denn in der Zeitschrift ist weder von einer proletarischen Initiative noch von einer Verbindung mit Arbeiterorganisationen auch nur eine Spur zu finden.“ [5] Im Gegensatz dazu wurden in Lenins Prawda mehr als 11.000 Briefe und Korrespondenzstücke von Arbeitern in einem einzigen Jahr veröffentlicht, als etwa 35 pro Tag.

Einige Monate, nachdem sie zum ersten mal erschien, legte Lenin sein Konzept einer Arbeiterzeitung genau dar:

Wenn die Leser der Prawda die Berichte über die Arbeitersammlungen in Verbindung mit den Briefen von Arbeitern und Angestellten aus allen Ecken und Enden Rußlands durchsehen, dann erhalten sie, die auf Grund der schweren äußeren Lebensbedingungen in Rußland größtenteils voneinander getrennt und isoliert sind, eine gewisse Vorstellung davon, wie die Proletarier dieses oder jenes Berufes, dieser oder jener Gegend kämpfen, wie sie darangehen, die Interessen der Arbeiterdemokratie zu verteidigen.

Die Chronik des Arbeiterlebens in der Prawda beginnt sich erst zu entwickeln und festen Fuß zu fassen. von nun an wird die Arbeiterzeitung zweifellos neben Mitteilungen über Mißstände in den Fabriken, über das Erwachen einer neuen proletarischen Schicht, über Sammlungen für diesen oder jenen Zweig der Arbeitersache auch Mitteilungen über die Ansichten und Stimmungen der Arbeiter, über die Wahlkampagne, über die Wahl von Arbeiterbevollmächtigten, über das, was Arbeiter lesen, was sie besonders interessiert usw., erhalten.

Die Arbeiterzeitung ist eine Tribüne der Arbeiter. vor ganz Rußland muß hier Frage für Frage des Arbeiterlebens im allgemeinen und der Arbeiterdemokratie im besonderen aufgeworfen werden. [6]

Lenin glaubte, daß die Arbeiter selbst über ihr Leben schreiben müßten:

... die Arbeiter [sollen] immer und immer wieder, allen Hindernissen zum Trotz, versuchen, ihre eigenen, proletarischen Streikstatistik zu führen. Zwei, drei klassenbewußte Arbeiter können jeden Streik, den Zeitpunkt seines Beginns und Endes, die Teilnehmerzahl (wenn möglich, getrennt nach Geschlecht und Alter), seine Ursachen und seine Ergebnisse in einer genauen Beschreibung festhalten. Eine solche Beschreibung müßte in einem Exemplar der Leitung des entsprechenden Arbeiterverbandes (der Gewerkschaft o.ä. oder der Redaktion des betreffenden Gewerkschaftsorgans) zugestellt werden. ein zweites Exemplar müßte dem allgemeinen Organ des Arbeiterpresse, schließlich ein drittes Exemplar dem Arbeiterdeputierten in der Reichsduma zur Kenntnisnahme zugeleitet werden ... Nur wenn die Arbeiter selbst diese Sache anpacken, werden sie mit Zeit, nach harter Arbeit und beharrlichen Anstrengungen, dazu beitragen, ihre eigene Bewegung besser zu erkennen und ihr dadurch größere Erfolge zu sichern. [7]

Lenin wußte, wie man sehr populäre, kurze Artikel für die Prawda schreiben sollte. Sie waren immer sachlich und jeder Artikel konzentrierte auf bloß eine Idee, die durchargumentiert wurde. Er wiederholte vielleicht ein Thema immer wieder, aber er benutzte immer verschiedene Blickwinkel, verschiedene Beispiele, verschiedene Geschichten. Um einen Eindruck zu geben, wie seine Artikel waren, werden zwei hier wiedergegeben.

RUSSEN UND NEGER

Welch sonderbare Gegenüberstellung! – wird der Leser denken. – Wie kann man eine bestimmte Rasse einer bestimmten Nation gegenüberstellen?

Eine solche Gegenüberstellung ist möglich. Die Neger haben sich am spätesten von der Sklaverei befreit, und noch heute lasten die Spuren der Sklaverei auf ihnen am schwersten – selbst in den fortgeschrittensten Ländern, denn der Kapitalismus kann keine andere Befreiung „einräumen“ als die rechtliche, und auch diese engt er in jeder Weise ein.

Von den Russen sagt die Geschichte, daß sie sich von der Sklaverei der Leibeigenschaft im Jahre 1861 „fast“ befreit haben. Annähernd zur gleichen Zeit, nach dem Bürgerkrieg gegen die amerikanischen Sklavenhalter, befreiten sich die Neger in Nordamerika von der Sklaverei.

Die Befreiung der amerikanischen Sklaven vollzog sich auf weniger „reformatorischem“ Wege als die Befreiung der russischen Sklaven.

Deshalb sind jetzt, nach einem halben Jahrhundert, die Spuren der Sklaverei bei den Russen weit stärker erhalten als bei den Negern. Und es wäre sogar exakter, sprächen wir nicht nur von Spuren der Sklaverei, sondern auch von Institutionen ... Doch wollen wir uns in dem vorliegenden kurzen Artikel auf eine kleine Illustration des Gesagten beschränken – auf die Frage der Elementarbildung. Eine der von der Sklaverei hinterlassenen Spuren ist bekanntlich das Analphabetentum. In einem Lande, das von Paschas, den Purischkewitsch und anderen unterdrückt wird, kann die Mehrheit der Bevölkerung nicht lese- und schreibkündig sein.

In Rußland gibt es 73% Analphabeten, nicht mitgerechnet die Kinder bis zum alter von 9 Jahren.

Bei den Negern in den Vereinigten Staaten von Nordamerika machen die Analphabeten (1900) – 44½% aus.

Ein so unerhört hoher Prozentsatz an Analphabeten ist eine Schande für ein zivilisiertes, fortgeschrittenes Land, für die nordamerikanische Republik. Und dabei weiß jedermann, daß die Lage der Neger in Nordamerika überhaupt eines zivilisierten Landes unwürdig ist: der Kapitalismus kann weder die völlige Befreiung noch gar völlige Gleichheit bringen.

Aufschlußreich ist, daß der Prozentsatz der Analphabeten bei den Weißen in Amerika bei nur 6% liegt. Unterteilen wir jedoch Amerika in ehemalige Sklavenhaltergebiete (das amerikanische „Rußland“) und in Nicht-Sklavenhaltergebiete (das amerikanische Nicht-Rußland) so erhalten wir bei den Weißen einen Prozentsatz an Analphabeten von 11-12% in den ersten Gebieten und von 4–6% in den zweiten!

In den ehemaligen Sklavenhaltergebieten ist der Prozentsatz an Analphabeten bei den Weißen doppelt so hoch. Die Spuren der Sklaverei lasten nicht nur auf den Negern!

Eine Schande für Amerika ist die Lage der Neger! ... [8]

 

DER GROSSGRUNDBESITZ UND DER KLEINBÄUERLICHE LANDBESITZ IN RUSSLAND

Es wird nicht überflüssig sein, aus Anlaß des kürzlichen Jahrestags des 19. Februar 1861 [3*] an die gegenwärtige Bodenverteilung im Europäischen Rußland zu erinnern.

Die letzte offizielle Statistik der Bodenverteilung im Europäischen Rußland wurde vom Innenministerium herausgegeben und betrifft das Jahr 1905.

diagramm

Nach den Angaben dieser Statistik gab es (abgerundet) etwa 30.000 Großgrundbesitzer mit über 500 Desjatinen Land, die zusammen etwa 70.000.000 Desjatinen Land besaßen.

Etwa 10.000.000 Höfe armer Bauern besitzen ebensoviel Land.

Im Durchschnitt entfallen also auf einen Großgrundbesitzer etwa 330 armer Bauernfamilien, wobei jede Bauernfamilie etwa 7 (sieben) Desjatinen Land besitzt, während jeder Großgrundbesitzer über etwa 2.300 (zweitausenddreihundert) Desjatinen Land verfügt.

Um dies anschaulich vor Augen zu führen, wurde die oben abgedruckte Zeichnung angefertigt.

Das große weiße Viereck in der Mitte ist das gut eines Großgrundbesitzers. Die es umgebenden kleinen Quadrate sind die kleinbäuerlichen Parzellen.

Im ganzen gibt es 324 Quadrate, während die Fläche des weißen Viereck 320 Quadraten gleichkommt. [9]

Was für eine außergewöhnlich einfache Darlegung einer komplizierten marxistischen Analyse, ohne Vulgarisierung und voller Interesse.

Es ist viel schwieriger in einer marxistischen für die Massen zu schreiben als für die Parteikader. Für letztere läßt das Argument sich analytisch entwickeln. Für erstere muß es sich auf die eigenen Erfahrung der Arbeiter stützen, ohne Argumente zu benutzen, die Wissen über den Marxismus erfordern. Lenin schrieb hervorragend für die beiden Arten Leserschaft. Sein Stil war einfach und direkt. Er war einfach ein Mensch, der überzeugen wollte. Literarische Form war ihm gleichgültig. Sein Schreibstil ist bescheiden, schlagkräftig und eintönig. Gerade diese stilistische Strenge und Direktheit zeigt die Aufrichtigkeit und tiefe seines Denkens. Sein Schreiben ist ohne Verzierung oder Zweideutigkeit, ohne Ausweichen oder Vorbehalt.

Lenin bewunderte G.N. Tschernyschewski als den größten aller russischen Revolutionäre. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Männern, einschließlich ihrem Stil, war erstaunlich. Tschernyschewski spricht am Anfang seines Buchs Was tun? dem Leser wie folgt an: „Ich haben nicht den Schatten eines künstlerischen Talents. Ich benutze sogar die Sprach schlecht. Aber das ist nicht wichtig: Lesen Sie weiter, liebes Publikum. sie werden dies mit Vorteil lesen. Die Wahrheit ist eine großartige Sache; sie macht die Mängel des Schriftstellers wieder gut, der sie dient.“ Das war auch die Haltung Lenins. Er verachtete Blender, Phrasendrescher und elegante Stilisten, die eine Barriere zische ihrem Schreiben und der Wahrheit errichtete, die sie darstellen sollte. Vergeblich würde man in Lenin wie in Tschernyschewski nach irgendeinem Anflug von stilistischer Eleganz.

Als er einen uneleganten 1919 geschriebenen Programmsentwurf rechtfertigte, hatte Lenin folgendes zu sagen:

Ein aus verschiedenartigen Teilen zusammengesetztes Programm ist nicht elegant (doch das ist natürlich belanglos), aber ein anderes Programm wird einfach falsch sein. Diese Ungleichförmigkeit, dieses Aufbauen aus verschiedenartigem Material, wie unangenehm und unebenmäßig das auch immer sein mag, werden wir im Verlauf einer sehr langen Periode nicht umgehen können. [10]

Er duldete blumige Darstellung auf Kosten der ehrlichen Betrachtung der Wirklichkeit nicht. Er erklärte sehr komplizierte Probleme einfach. Er redete nicht mit seiner Leserschaft von oben herab, sondern ganz im Gegenteil zeigte großen Respekt für sie.

Der populäre Schriftsteller führt den Leser an tiefe Gedanken, an die ernste Wissenschaft heran, indem er von einfachsten und allgemein bekannten Gegebenheiten ausgeht, mit Hilfe unkomplizierter Betrachtungen oder treffend gewählter Beispiele auf die wichtigsten Schlußfolgerungen aus diesen Gegebenheiten hinweist und den denkenden Leser auf immer neue und neue Fragen stößt. Der populäre Schriftsteller setzt keinen nicht denkenden, nicht denken wollenden oder nicht denken könnenden Leser voraus – im Gegenteil, er setzt beim unentwickelten Leser die ernste Absicht voraus, mit dem Kopf zu arbeiten, er hilft ihm, diese ernste und schwere Arbeit zu tun, und leitet ihn, indem er ihm hilft, die ersten Schritte zu machen, ihn lehrt, selbständig weiterzugehen. Der vulgäre Schriftsteller setzt einen nicht denkenden und zum Denken unfähigen Leser voraus, er lenkt ihn nicht zu den ersten Grundlagen ernster Wissenschaft hin, sondern tischt ihm in verzerrter und simplifizierter Gestalt, mit Späßchen und Sprüchen gewürzt, alle Schlußfolgerungen aus einer bestimmten Lehre „fertig“ auf, so daß der Leser diesen Brei nicht einmal zu kauen, sondern nur hinunterzuschlucken braucht. [11]

Lenin war ein großartiger Lehrer. Er kam nicht zu seinen Schülern von Olympischen Höhen herunter, sondern stieg zusammen mit ihnen auf neue Ebenen. Er führte Arbeiter und sie führten ihn. Zusammen mit ihnen versuchte er, Wege zur Überwindung von Schwierigkeiten zu finden und, und seine Zuhörer mußten gedacht haben, daß der Führer für sie und mit ihnen laut dachte. Seine Reden endeten gewöhnlich nicht mit Rhetorik, sondern mit einfachen Phrasen. „Wenn wir dies verstehen, wenn wir so handeln, dann werden wir sicherlich siegen.“ Oder: „Man muß danach streben nicht mit Worten, sondern mit taten.“ Oder noch einfacher: „Das ist alles, was ich Euch sagen wollte.“

Viele Leute, die Lenin zum ersten Mal trafen, wurden enttäuscht. Sei erwarteten, einen Mann drei Meter groß zusehen, und sahen statt dessen jemanden, der sehr klein war. Aber nachdem sie ihn zuhörten, fühlten sie sich selbst drei Meter groß.

Lenins einfacher, bescheidener Stil läßt Schi am besten sehen in seinen zahlreichen Artikeln für Prawda. Sie gaben dem Arbeiter-Leser Selbstvertrauen über seine Fähigkeit, Themen zu begreifen, die Welt zu verstehen und sie zu verändern. Gleichzeitig verwischten sie nicht die Linie, die die Bolschewiki von anderen, besonders von den Menschewiki, trennten. Sie gaben eine klare politische Richtung. Dabei auch unterschied sich Lenins Prawda völlig von Trotzkis Zeitung mit demselben Namen. Trotzki „hatte vor, sich an ‚einfache Arbeiter‘ zu wenden eher als an politisch gesinnte Parteimänner und seine Leser zu ‚dienen, nicht zu führen‘.“ [12]

Deutscher bemerkt über diese Erklärung:

Die einfache Sprache der Trotzkischen Prawda und die Tatsache, daß sie die Einheit der Partei predigte, versichere ihr eine bestimmte Beliebtheit, aber keinen dauernden politische Einfluß. Diejenigen, die das Argument für eine Fraktion bzw. Gruppe erklären, verwickeln sich gewöhnlich in einer mehr oder weniger komplizierten Argumentation und sprechen die oberen und mittleren Schichten ihrer Bewegung, eher als ihre Basis an. Diejenigen, die andererseits sagen, daß trotz aller Differenzen die Partei ihre Reihen zusammenschließen sollte, wie es Trotzki machte, haben ein einfaches Argument, die leicht zu erklären ist, seine Anziehung ist sicher. Aber meistens ist diese Anziehung oberflächlich. Ihre Gegner, die die Kader einer Partei für ihre kompliziertere Argumentation gewinnen, werden wahrscheinlicher schließlich sich Gehör auch von der Basis verschaffen können; die Kader tragen ihre Argumentation, in vereinfachter Form, in die niederen Rängen. Trotzkis Aufrufe zur Solidarität aller Sozialisten wurden vorläufig von vielen gebilligt ... Aber dieselben Menschen, die jetzt den Aufruf billigten, sollten schließlich ihm nicht nachkommen, um der einen Fraktion oder der anderen zu folgen, und sie ließen den Prediger der Einheit isoliert. Außerdem gab es in Trotzkis populärer Haltung, in seiner Betonung auf einfacher Sprache und in seinem Versprechen, „zu dienen, nicht zu führen“, mehr als eine Anflug von Demagogie, denn der Politiker, besonders der Revolutionär, diejenigen, die ihn zuhören, am besten dient, indem er sie führt. [13]

Lenins Artikel in der Prawda zielten sich nicht bloß auf die Basis, sondern auch auf die Kader.

Nie und unter keinen Umständen wird diese große Schule den Unterricht des Abc, die Unterweisung in den Anfangsgründen des Wissens und den Anfangsgründen des selbständigen Denkens vernachlässigen dürfen. Wenn jedoch die Fragen des höheren Wissens durch den Hinweis auf das Abc abtun wollte, wenn jemand anfangen wollte, die unsicheren, zweifelhaften, „engen“ Resultate dieses höheren Wissens (das einem sehr viel kleineren Personenkreis zugänglich ist, verglichen mit dem Kreis, der das Abc erlernt) den dauerhaften, tiefen, breiten und soliden Resultaten der Elementarschule entgegenzustellen, so würde er eine unglaubliche Kurzsichtigkeit an den Tag legen. Er würde sogar dazu beitragen, den ganzen Sinn dieser großen Schule völlig zu entstellen, denn das Ignorieren der Fragen des höheren Wissens würde es nur den Scharlatanen, Demagogen und Reaktionären erleichtern, diejenigen zu verwirren, die lediglich das Abc erlernt haben. [14]

Lenin leitete fast die Prawda. Die Hauptlinie der Redaktion wurde entscheidend von ihm gestaltet. Jeden Tag schickte er der Zeitung Artikel, Kritiken der Artikel anderer, Vorschläge, Korrekturen usw. Um die Zeitung besser zu leiten zog er Juni 1912 von Paris nach Krakau in Österreich (im polnischen Galizien) um, die bloß 24 Stunden mit dem D-Zug [Schnellzug] von St. Petersburg entfernt war.

Neben der Prawda, benutzte Lenin andere Zeitschriften, um die Kader zu dienen. Es gab z.B. Prosweschtschenije (Aufklärung), eine sozialpolitische und literarische Zeitschrift, die vom Dezember 1911 bis Juni 1914 in St. Petersburg veröffentlicht wurde. Lenin war der Hauptmitarbeiter und der Redakteur des Feuilletons war Maxim Gorki. Die Auflage erreichte 5.000 Exemplare.

Die Partei hatte auch eine andere theoretische Zeitschrift, die sich auf die Parteikader richtete, Sotsial-Demokrat, diese war illegal und konnte bestimmte Fragen offener behandeln als die legale Presse. 58 Ausgaben wurden zwischen Februar 1908 und Januar 1917 veröffentlicht, fünf davon mit Beilagen. Über 80 von Lenin geschriebene Artikel und Beiträge wurden in dieser Zeitschrift veröffentlicht. Während der Jahre 1912–13 erschien Sotsial-Demokrat nur mit langen Abständen, nur insgesamt sechs Ausgaben in zwei Jahren. Lenin fand es schwierig, Sotsial-Demokrat ins Rußland zu schmuggeln. in einem Brief 1913 sagt er: „Es ist fast unmöglich, richtigen Transport ins Rußland zu bilden. Die Erfahrung von 1910 und 1911 zeigt, daß die eingebrachte Literatur in Lagerhäusern pud-weise [4*] herumlag und des gibt keine Adressen, keine Versammlungsorte für ihre Verteilung.“ [15] Das war nicht erstaunlich, da der Mensch, der die Verteilung der bis 1912 ins Rußland eingebrachte Literatur organisieren sollte, war Brendinski, ein Agent der Ochrana.

Die Ochrana machte jedoch den Fehler, die Bedeutung der im Ausland veröffentlichten bolschewistischen Presse zu unterschätzen. Ein Bericht von einem seiner Agenten erklärte Juni 1914:

Trotz der für ihren Transport aufgebrauchten Energie und Ressourcen hat sie keine positive Ergebnisse gebracht: da sie völlig vollstopft von Emigrantentheoretikern ist und in Rußland nach beträchtlicher Verzögerung ankommt, hat diese Literatur alles aktuelle Interesse verloren, ist nicht den halb-analphabetischen niederen Schichten [Klassen] unverständlich und hat keine Bedeutung für die Erregung von sozialen Gefühlen. [16]

Ganz im Gegenteil, Sotsial-Demokrat, wie vor ihr Proletari, spielte eine Schlüsselrolle bei der Lenkung der führenden Ader in der Bolschewistischen Partei. die Zeitschriften lieferten den wichtigsten Kanal, wodurch die Ideen von Lenin und der Handvoll Emigranten um ihn ihre engen Mitarbeiter in Rußland erreichten.

Die Bolschewiki hatten auch einen Verlag, die Bücher und Broschüren veröffentlichte. Eine seiner beliebtesten [populärsten] Veröffentlichungen war ein Taschenkalender für 1914, Sputnik Rabotschego (Arbeiterhandbuch). Es enthielt wesentliche Informationen über Arbeitsgesetzgebung in Rußland, über die russische und internationale Arbeiterbewegung, politische Parteien, Vereine und Gewerkschaften, die Presse usw. Das Arbeiterhandbuch wurde von der Polizei beschlagnahmt, aber die Ausgabe war eigentlich in einem Tag ausverkauft, bevor die Polizei sich es bemächtigen konnten. Als Lenin ein Exemplar bekam, schrieb er Inessa Armand, daß 5.000 Exemplare schon verkauft worden seine. [17] Eine zweite Ausgabe wurde Februar mit Streichungen und Änderungen aus Gründen der Zensur veröffentlicht; insgesamt wurden 20.000 Exemplare verkauft.

Lenin bestand darauf, daß das gesamte politische Verlagswesen völlig parteilichen Einrichtungen unterordnet sein sollte:

Im Gegensatz zu den bürgerlichen Sitten, im Gegensatz zur bürgerlichen Unternehmer und Krämerpresse, im Gegensatz zum bürgerlichen Karrierismus und Individualismus in der Literatur, zum „Edelanarchismus“ und zur Jagd nach Gewinn muß das sozialistische Proletariat das Prinzip der Parteiliteratur aufstellen, dieses Prinzip entwickeln und es möglichst vollständig und einheitlich verwirklichen.

Worin besteht dieses Prinzip der Parteiliteratur? Nicht nur darin, daß für das sozialistische Proletariat die literarische Tätigkeit keine Quelle des Gewinns von Einzelpersonen oder Gruppen sein darf, sie darf überhaupt keine individuelle Angelegenheit sein, die von der allgemeinen proletarischen Sache unabhängig ist. Nieder mit den literarischen Übermenschen! Die literarische Tätigkeit muß zu einem Teil der allgemeinen proletarischen Sache, zu einem „Rädchen und Schräubchen“ des einen einheitlichen, großen sozialdemokratischen Mechanismus werden, der von dem ganzen politisch bewußten Vortrupp der ganzen Arbeiterklasse in Bewegung gesetzt wird. Die literarische Betätigung muß ein Bestandteil der organisierten, planmäßigen, vereinigten sozialdemokratischen Parteiarbeit sein.

... Verlage und Lager, Läden und Leseräume, Bibliotheken und Buchvertriebe – alles dies muß der Partei unterstehen und ihr rechenschaftspflichtig sein ... Wir wollen und werden eine freie Presse schaffen, frei nicht nur von der Polizei, sondern auch vom Kapital und vom Karrierismus, ja noch mehr, frei auch vom bürgerlich-anarchistischen Anarchismus. [18]

Etwa ein Jahr später fügte folgende Bemerkungen hinzu, die sich um Sozialdemokraten und die bürgerliche Presse handeln:

Ist es angängig, daß ein Sozialdemokrat an bürgerlichen Zeitungen mitarbeitet?

Nein ...

Haben wir das Recht, bei uns in Rußland von diesen Regeln abzugehen?

Man wird uns erwidern: Keine Regel ohne Ausnahme. – Das ist unbestreitbar. Man kann einen in der Verbannung lebenden Genossen nicht verurteilen, der sich an eine beliebige Zeitung wendet. Manchmal ist es schwer, eine Sozialdemokraten zu verurteilen, der des Verdienstes wegen in irgendeiner untergeordneten Abteilung einer bürgerlichen Zeitung arbeitet. Man kann die Veröffentlichung einer dringlichen und sachlichen Richtigstellung usw. u.dgl.m. rechtfertigen. [19]

 

 

Prawda als Organisator

Die Zeitung funktionierte als Organisator nicht nur deswegen, weil Tausende von Arbeitern sie lasen, für sie schrieben, sondern auch deswegen, weil, sie die Bildung von Arbeitergruppen ermutigte, um Geld für sie zu sammeln. Sowohl, die bolschewistische Tageszeitung als auch Lutsch, die menschewistische Tageszeitung, veröffentlichten regelmäßig Berichte über Sammlungen und Spenden. In der Prawda vom 12. Juli 1912 schrieb Lenin:

Vom Standpunkt der Initiative, der Energie der Arbeiter selbst sind 100 Rubel, die, sagen wir, 30 Arbeitergruppen gesammelt haben, viel wichtiger als 1000 Rubel, die von einigen Dutzend „Sympathisierenden“ aufgebracht werden. Eine Zeitung, begründet auf Fünfkopekenstücken, die von kleinen Arbeiterzirkeln in den werken und Fabriken gesammelt worden sind, ist um ein vielfaches solider, fester und sicherer fundiert (sowohl vom finanziellen Standpunkt aus als auch – was am wichtigsten ist – im Hinblick auf die Entwicklung der Arbeiterdemokratie) als eine Zeitung, die auf Dutzende und Hunderte Rubel gründet, die die sympathisierende Intelligenz gespendet hat. [20]

Einige Tage später fügte er hinzu:

Es muß Brauch werden, daß jeder Arbeiter an jedem Lohntag je eine Kopeke für die Arbeiterzeitung zählt. Mag das Zeitungsabonnement seinen Gang gehen. mag, wer es kann, mehr zahlen, wie er es bisher getan hat. Das Wichtigste aber ist, außerdem den Brauch der „Kopeke für die Arbeiterzeitung“ einzuführen und zu verbreiten.

Die ganze Bedeutung dieser Sammlungen wird darin liegen, daß sie regelmäßig an jedem Lohntag, ohne Unterbrechung, durchgeführt werden, und darin, daß sich eine immer größere Anzahl von Arbeitern an diesen ständigen Sammlungen beteiligt. Die veröffentlichten Berichte könnten einfach lauten: „Soundso viel Kopeken“ – das hieße: Soundso viel Arbeiter der betreffenden Fabrik haben Beiträge für die Arbeiterzeitung geleistet. Und danach, wenn es größere Beiträge gibt, kann man schreiben: „Außerdem haben soundso viel Arbeiter soundso viel gespendet.“ [21]

Im Jahr 1912 bekam Prawda Geldbeiträge von 620 Arbeitergruppen, während die menschewistische Zeitungen Spenden von 89 Gruppen bekam. Während 1913 bekam Prawda 2.181 Geldbeiträge von Arbeitergruppen und die Menschewiki 661. In 1913, bis zum 13. Mai, hatte Prawda, die Unterstützung von 2.873 Arbeitergruppen und die Menschewiki von 671. So organisierten die Prawdisten 77 Prozent der Arbeitergruppen in Rußland 1913 und 81 Prozent 1914. [22] Die Bildung der Gruppen, um Geld für Prawda zu sammeln, glich dem Mangel an einer legalen Partei aus. Und Lenin zog ganz zurecht die Schlußfolgerung, daß „4/5 der Arbeiter die Beschlüsse der Prawdisten als die ihren anerkannt haben, dem Prawdismus gebilligt haben, sich in der Tat um den Prawdismus vereinigt haben.“ [23]

Die Gesamtzahl der Arbeitergruppen, die Spenden an Prawda von April 1912 bis zum 13. Mai 1914 betrug 5.674 (selbstverständlich machten einige Gruppen mehrere Spenden, aber getrennte Daten dafür sind nicht vorhanden, so daß die wirkliche Anzahl der Gruppen um die Zeitung war beträchtlich kleiner). Die Durchschnittsspende von Arbeitergruppen in der Periode zwischen dem 1. Januar und dem 13. Mai betrug 6,59 Rubel oder ungefähr den durchschnittlichen Wochenlohn eines St. Petersburger Arbeiters.

Prawda war fast völlig abhängig von der finanziellen Unterstützung der Arbeiter. Von den Spenden zur Zeitung zwischen dem 1. Januar und dem 13. Mai 1914 kamen 87 Prozent von Arbeitersammlungen und 13 Prozent von Nichtarbeitern (für die menschewistische Zeitung kamen 44 Prozent von Arbeitern und 56 Prozent von Nichtarbeitern). [24]

Lenin schrieb in der Trudowaja Prawda am 14. Juni 1914: „Die Zahl von 5674 Arbeitergruppen, die von den Prawdisten in weniger als 2 Jahren vereinigt worden sind, ist angesichts der schweren Bedingungen ziemlich bedeutend. Aber das ist nur der Anfang. Wir brauchen nicht Tausende, sondern Zehntausende von Arbeitergruppen. Die Arbeit muß verzehnfacht werden.“ [25] Leider brach der Krieg einige Wochen später heraus und Prawda konnte nie Lenins Ziel erreichen.

 

 

Fußnoten

1*. Die Auflage der Prawda war ziemlich instabil: sie änderte sich sehr viel je nach den Umständen. So betrug seine Auflage April und Mai 1912 60.000, während sie während des Sommers auf 20.000 sank. [3]

2*. Prawda kostete 2 Kopeken.

3*. Der Jahrestag der Abschaffung der Leibeigenschaft in Rußland

4*. 1 pud = 16,38 Kilos.

 

Anmerkungen

1. Für eine sehr interessante Darstellung s. W. Bassow, „The Pre-Revolutionary Pravda and Tsarist Censorship“, The American Slavic and East European Review, Februar 1954.

2. ebenda.

3. Lenin, Werke, Bd.36, S.187.

4. ebenda, S.256-7.

5. ebenda, Bd.20, S.328.

6. ebenda, Bd.18, S.291.

7. ebenda, Bd.19, S.315.

8. ebenda, Bd.18, S.537-8.

9. ebenda, S.580-1.

10. ebenda, Bd.29, S.152.

11. ebenda, Bd.5, S.317-8.

12. Prawda, Wien, Nr.1, zit. in Deutscher, The Prophet Armed, S.193.

13. Deutscher, a.a.O., S.193-4.

14. Lenin, Werke, Bd.8, S.453.

15. Proletarskaja revoljutsija, Nr.2 (14) 1923, S.45.

16. ebenda, S.455.

17. Lenin, Werke, Bd.35, S.107.

18. ebenda, Bd.10, S.30-2.

19. ebenda, Bd.11, S.253.

20. ebenda, Bd.18, S.178.

21. ebenda, S.189-90.

22. ebenda, Bd.20, S.367.

23. ebenda, S.320-1.

24. ebenda, S.370.

25. ebenda, S.372.

 


Zuletzt aktualisiert am 23.6.2001