Paul N. Siegel

 

Die Demütigen und die Militanten

 

Vorwort

Jeder weiß, daß Marx schrieb: „Religion ist das Opium des Volkes“, aber allzu oft wird dieser Aphorismus so betrachtet, als ob er alles erschöpft, das er und Engels über die Frage zu sagen hatten. In Wirklichkeit stellten sie eine penetrante Kritik an der Religion vor, die ihren Ursprung und ihre Beharrlichkeit erklärt. Sie zeigten auch, wie die Religion historisch nicht bloß als Bollwerk der gesellschaftlichen Ordnung gewirkt hat, sondern wie einige Formen der Religion unter bestimmten Umständen [Bedingungen] mindestens für eine Weile eine revolutionäre Kraft gewesen sind. Ihre Bemerkungen über die Rolle der Religion in der Geschichte, die die Komplexität der Erscheinung beleuchten, sind von den Untersuchungen moderner Historiker bestätigt worden.

Es ist auch wohl bekannt, daß Lenin wie Marx und Engels ein ideologischer Gegner der Religion war, aber es ist nicht so gut bekannt, daß er religiöse gläubige und sogar Priester, die das Programm der Partei akzeptierten, in die Reihen der Bolschewistischen Partei begrüßte [willkommen hieß]. Noch ist es allgemein bekannt, daß die Bolschewiki in den Jahren vor Stalins Herrschaft die Freiheit der Religion garantierten, daß sie dissidentischen religiösen Sekten Rechte gab, die sie nicht unter dem Zaren hatten, und daß, obwohl sie der Russisch-Orthodoxen Kirche die Sonderprivilegien entzogen, die sie im zaristischen Rußland genoß, sie die Bindungen aufmachten, die sie zum unterwürfigen Geschöpf [zur unterwürfigen Marionette] des Staates machten.

Diese anscheinenden Paradoxen sind in Wirklichkeit eine logische Folge der marxistischen Kritik der Religion. Marxisten sind kompromißlosen ideologischen Gegner der Religion, aber daß bedeutet nicht, daß sie nicht mit religiösen Gläubigen für gemeinsame politische Zwecke arbeiten können. Während anders als bürgerliche Politiker, die versuchen, es allen recht zu machen, sie ehrlich und offen über ihre Ansichten sind, kämpfen sie gegen die Religion nicht hauptsächlich durch abstrakte Argumentation (obwohl solche theoretische Propaganda ihren Platz hat), sondern durch den Klassenkampf, der der beste Ausbilder ist.

Wenn Leser, die religiöse Gläubige sind, den Ton meiner Darlegung der marxistischen Kritik an der Religion im Teil I zu scharf finden, wurde ich darauf antworten, daß meine Schärfe beim Angriff auf das, was ich für einen intellektuellen Irrtum halte, nicht notwendigerweise bedeutet, daß ich feindselig gegenüber denjenigen stehe, die sich ihm anschließen, und sicherlich nicht denjenigen gegenüber, die versuchen, eine gerechte Gesellschaftsordnung aufzubauen, mit denen ich Solidarität empfinde. Christen sagen, man müsse die Sünde hassen, aber den Sündigen lieben; aber der ideologische Irrtum kann ebenso verderblich sein als der moralische Irrtum und man muß sich ihm auch entgegenstellen. Marxisten sind aber anders als die abnehmende Zahl von bürgerlichen Atheisten und Agnostikern in der Tradition von Robert G. Ingersoll und Clarence Darrow, die findet, daß der Wurzel aller Übel der religiöse Obskurantismus sei, und nicht das System, aus dem der religiöse Obskurantismus wächst.

Wenn sie den ideologischen Kampf gegen die Religion dem Klassenkampf unterordnen, geben Marxisten ihre Prinzipien nicht auf. Ihre von Prinzipien geleitete Zusammenarbeit mit religiösen Gläubigen, die sich am Klassenkampf beteiligen, ist überhaupt nicht dem Liebäugeln der Führer der Kommunistischen Partei Italiens mit dem Vatikan, wobei sie sich über Fragen wie die Trennung von Kirche und Staat und die Liberalisierung des Scheidungs- und Abtreibungsrechts fügen. Solche politische Praxis ist eine Beugung [eine Verdrehung/ein Mißbrauch] des Marxismus, ebenso wie die Politik in der Sowjetunion und China, wodurch die Kirchen zu Geschöpfen [Marionetten] des Staates gemacht werden.

Es ist also Zeit, die klassische marxistische Analyse der Religion zu überprüfen, um zu verstehen, was sie sagt und was sie nicht sagt. Eine solche Überprüfung wird religiöse Gläubige und andere aufklären, die sich aufrichtig um das Verständnis der marxistischen Ansicht über Religion kümmern.

Aber die marxistische Analyse der Religion hat mehr als einen abstrakten theoretischen Aspekt. Indem sie die gesellschaftlichen Wurzeln der Religion zeigt, hilft sie uns beim Verständnis der vergangenen Gesellschaft und, durch das Verständnis der vergangenen Gesellschaft, der gegenwärtigen Gesellschaft, die sich daraus entwickelt hat, erhebt grundsätzliche Fragen und deutet auf vielsagende Antworten hin.

Die großen indischen, chinesischen und arabischen Zivilisationen waren bei ihren Höhepunkten viel mächtiger als die europäischen Zivilisationen jener Zeiten. Indien erzeugte den Hinduismus, der in Indien einheimisch blieb, und den Buddhismus, der in Indien ausstarb, sich aber durch Asien einschließlich China ausbreitete. Arabien erzeugte den Islam, der sich durch den Nahen Osten und Teile von Asien, Afrika und Europa ausbreitete. Was haben der Aufstieg und der Verfall dieser großen Zivilisationen und die Entwicklung ihrer Religionen der europäischen und amerikanischen Zivilisation und ihrer Religionen zu erzählen? Gibt es so etwas wie die Erschöpfung der Möglichkeiten eines Gesellschaftssystems? Können die abhängigen Länder der Welt heute andererseits den Weg der kapitalistischen Entwicklung aufschlagen? Hindert die Religion sie daran, diesen Weg aufzuschlagen, oder gibt es noch grundsätzlichere Kräfte, die im Weg stehen?

R.H. Tawneys berühmtes Buch Religion and the Rise of Capitalism zeigte die Wechselwirkung zwischen dem englischen Puritanismus während des 16. und des 17. Jahrhunderts und dem blühenden [sprießenden] Kapitalismus, dem Gesellschaftssystem, das sich aus England über andere Weltteile ausbreitete. Heute ist der Weltkapitalismus im Rückgang – was selbstverständlich nicht bedeutet, daß er nicht beträchtlich Kraft [Macht] behält und nicht dazu fähig ist, beträchtliche Schaden beizubringen und sogar die Welt zu vernichten [zerstören], bevor er entscheidend besiegt wird.

An der Peripherie des Weltkapitalismus in den schwächsten Teilen des Systems haben sozialistische Revolutionen stattgefunden und während der letzten 70 Jahre sind postkapitalistischen Gesellschaften – trotz riesigen Schwierigkeiten und Abweichungen, die ihre eigenen Probleme geschaffen haben – weiter zahlenmäßig und in Stärke gewachsen. [1*] Wie ist die Religion in den drei Hauptsektoren der Welt – den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, den abhängigen Ländern der sogenannten Dritten Welt und in den postkapitalistischen Ländern – beeinflußt worden und wie der Reihe nach handelt [funktioniert] die Religion als ideologische Kraft im Klassenkampf in diesen Sektoren?

Ein Verständnis der Wurzeln der Religion in der Vergangenheit, ihres Wachstums und ihrer Entwicklung und der Änderung ihres gesellschaftlichen Bodens ermöglicht uns, die Antworten auf vielen rätselhaften Fragen über die gegenwärtige Religion zu finden. Warum geht die Zahl der Kirchenmitglieder in der fortgeschrittenen Ländern Europas seit langem zurück, während sie in den Vereinigten Staaten groß bleibt und sogar wächst? Was erklärt die Stärke der evangelikalen und fundamentalistischen religiösen Rechten in den Vereinigten Staaten?

Warum ist andererseits ein wichtiger Teil der Katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern politisch und theologisch liberalisiert worden? Sind die gegenwärtige Spaltungen in der Katholischen Kirche das Ergebnis von Vatikan II. oder fand Vatikan II. als Ergebnis der Änderungen in der Katholischen Kirche statt, die Spaltungen in ihr schufen?

Warum ist es Israel, das sich gern die einzige Demokratie im Nahen Osten nennt, nicht gelungen, die Art Trennung zwischen Religion und Staat durchzuführen, die als eins der Kennzeichen der bürgerlichen Demokratie betrachtet wird? Warum haben liberale amerikanisch-jüdische Unterstützter von Israel, die für die Weiterführung der Trennung zwischen Kirche und Staat gefordert haben, es versäumt, eine solche Trennung in Israel zu fordern?

Was erklärt das „neue Gesicht“ des Buddhismus? Wie ist es dazu gekommen, daß buddhistische Mönche, die über die Sachen dieser Welt unbesorgt [unbekümmert] sein und alles Lebendiges als heilig betrachten sollten, sich am bewaffneten Kampf gegen den Imperialismus beteiligt und eine so wichtige Rolle in der Politik Asiens nach dem zweiten Weltkrieg gespielt haben?

Wie kam es dazu, daß der Hinduismus, der von der historischen Änderung als etwas Unbedeutendes spricht, eine ähnliche Rolle in Indien zu spielen? Warum beteiligen sich hinduistische Kommunalisten, Anhänger einer Religion, die seit langem als die toleranteste aller Religion beschrieben worden ist, an Pogromen gegen Anhänger anderer Religionen?

Was erklärt das „Wiederaufleben“ des Islams? Was ist die Quelle der Unterschiede Zeichen Moslems, die sagen, daß es notwendig ist, „den Islam in modernen Begriffen zu überdenken“, und den moslemischen Fundamentalisten?

Warum ist die „Befreiungstheologie“ in Lateinamerika so stark geworden? Warum werden Nonnen und Priester in El Salvador getötet, einem Land, das nach Jesus Christus genannt wurde, während es vier Priester in der revolutionären Regierung von Nicaragua gibt?

Die Antworten auf diese und andere ähnliche Fragen wird uns ermöglichen, unsere Welt besser zu verstehen. Verständnis wird uns besser ermöglichen, sie zu ändern.

Dieses Buch, wie man sieht, deckt einen riesigen Bereich. Indem ich im Grunde genommen eine Synthese und Popularisierung von Arbeit schreibe, die in vielen gebieten dieses Bereichs gemacht wurde, bin ich den folgenden verschuldet, die Teile des ersten Entwurfs gelesen, die sich um die Gebiete ihrer akademischen Expertise handeln, und mir den beträchtlichen Vorteil ihrer Kritik gegeben haben: Ismail Hosseinzadeh, George Novack, Robert G. Olson und Stuart Schaar.

Ich bin auch für Hilfe und Ermutigung George Breitman, Cliff Conner, Dianne Feeley und Evan Siegel verschuldet, die auch Teile des Manuskripts lasen. Paul Le Blanc gab mir nützliche bibliographische Information. Robert Molteno von Zed Books half mir das Buch zu verbessern, indem er mich dazu drängte, seinen Umfang auszubreiten. Ich bin ihnen allen dankbar. Die normale autorischen Lossprechung des Leser seines Manuskripts von der Verantwortung für Irrtümer über Tatsachen und Interpretation ist hier noch notwendiger denn je, da in einigen Fällen ich nicht dem Rat gefolgt bin, der mir angeboten wurde. Aber auch wenn ich ihm nicht gefolgt bin, hat der Rat mich dazu gebracht, über die damit verbundene Probleme nachzudenken.

 

Anmerkung des Übersetzers

1*. Diese Behauptung ist das Ergebnis der orthodox-trotzkistischen Politik des Autors, der ein Mitglied der amerikanischen Socialist Workers Party ist bzw. war. Laut dieser Politik seien Rußland und die Länder des Ostblocks Arbeiterstaaten gewesen, obwohl degeneriert bzw. deformiert. Die amerikanisch SWP dehnte diese Analyse auf Kuba und Nicaragua aus. Ereignisse haben diese Analyse widerlegt. Die Wende in Osteuropa und Rußland während der Jahre 1989 und 1990 verlief mit relativ geringer Gewalt, was nicht auf eine kapitalistische Konterrevolution andeutet. Große Teile der stalinistischen Bürokratie haben sich gerettet und sogar bereichert, indem sie sich zu Privatkapitalisten verwandelten. Das deutet darauf hin, daß diese Länder nicht irgendwie postkapitalistisch waren, sondern von einer Form des Kapitalismus beherrscht wurden. Der Übersetzer ist der Meinung, daß die beste Bezeichnung für das Wirtschaftssystem dieser Länder zu jener Zeit Staatskapitalismus ist. Diese politische Schwäche bedeutete nicht, daß das Buch ohne Wert ist. Im allgemeinen gibt das Buch eine sehr wertvolle Darlegung der marxistischen Analyse der Religion. Man muß nur die Schwächen bei der Analyse des Stalinismus im Auge halten, wenn man die entsprechenden Teile des Buchs liest.

 


Zuletzt aktualisiert am 14.6.2001